Aus dem Leben einer Minimalistin - Teil 2

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 2

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 2
03
März

 

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 2

Sollte Dir der erste Teil des Interviews entgangen sein, findest Du diesen hier.

Julia und ich haben auch darüber gesprochen, inwiefern Minimalismus ein  spirituelles Thema ist.

Wieviel Spiritualität steckt im Minimalismus?

 

DIE FREIRÄUMERIN: Im Mittelalter gab es Bettelmönche, die den Verzicht gepredigt haben. Sie haben die Menschen aufgefordert, sich von allem Irdischen zu lösen, um Gott näher zu kommen. Sie haben sich Gott also näher gefühlt, indem sie verzichtet haben.

Gibt es beim Minimalismus einen ähnlichen Gedanken? Also nicht unbedingt die Gottesnähe, aber vielleicht eine andere spirituelle Kraft? Oder „nur“ die eigene Spiritualität? Ein „Mehr-bei-sich-Sein“?

JULIA: Ja, gibt es. In dem Moment, wo man sich durch äußere Reduktion nicht mehr so abgelenkt fühlt, hat man die Möglichkeit, mehr bei sich zu sein. Das geht für mich in einem vollgestellten Raum nicht so leicht. Da ist die Ablenkung durch zu viele äußere Reize zu groß. Durch die Reduktion äußerer Reize kommt man in die Lage, sich zu reflektieren und über sich und sein Leben nachdenken zu können. Man konzentriert sein Leben nach und nach auf das Wesentliche. Man lernt sich besser kennen. Was sind meine Bedürfnisse? Was brauche ich zum Leben und was macht mich glücklich?

So ist der Minimalismus bei mir auch entstanden. Die äußere Ordnung herstellen, um innere Ordnung zu finden. Nur durch eine äußere Ordnung kann ich mich auf meine innere Unruhe einstellen und diese bewältigen.

Es ist auch einfacher, die äußere Ordnung herzustellen als die innere. Also fängt man mit der äußeren Ordnung an. Von leicht nach schwer. Meine Theorie ist, dass viele Minimalisten auf der Suche nach sich selbst sind und über den Weg der äußeren Reduktion eine innere Ruhe und Klarheit finden können. Minimalismus ist auch ein Versuch, Wege zu finden, das Leben in geregelte Bahnen zu lenken.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie hat sich Dein Leben seither verändert und wie kommt Dein Umfeld mit Deinem Lebensstil zurecht?

JULIA: Ich lebe mit einem „Nicht-Minimalisten“ zusammen. Ich trenne klar zwischen seinen und meinen Sachen. Das muss ich auch, sonst würde ich verrückt werden bei den vielen Dingen, die sich in der Wohnung befinden. Man muss als Minimalist die Dinge des anderen respektieren und akzeptieren und ihn sein lassen, wie er mag. Ich kann das ganz klar abtrennen. Mein Freund hat beispielsweise von seinen Eltern eine Kiste mit Dingen aus seiner Kindheit mitbekommen. Ich sehe da nur Schrott, aber für ihn hängen da Emotionen und Erinnerungen dran. Für ihn hat das einen Wert. Das muss ich respektieren. In meinem Zimmer sind bis auf einen großen Kleiderschrank nur noch Dinge, die mir wichtig sind. Da sind auch keine Dinge von meinem Partner. Dafür hat er seinen Bereich, in dem er sich mit den Dingen umgeben kann, die ihm wichtig sind.

Man kann es dem Partner nahelegen, mitzumachen, aber erzwingen kann man nichts. Das geht leider nicht. Wichtig ist, dass man dem Partner erklärt, warum man diese Reduktion braucht. Ich habe es ihm so erklärt, dass in meinem Kopf so viel Chaos ist. Ich habe immer so viel im Kopf, bin überreizt von zu vielen äußeren Einflüssen, dass ich die äußere Ordnung unbedingt brauche. Das hat er mittlerweile verstanden.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Findet Deine Familie Deinen Lebensstil gut?

JULIA: Ich weiß es gar nicht. Die sind das gewohnt. Es gab immer mal Phasen, in denen ich meine verrückten Ideen hatte. Die denken dann immer, das ist halt wieder eine Phase. Das war häufig auch so, aber dieses Mal ist es nicht nur eine Phase. Das haben sie auch gemerkt, dass ich mich verändert habe.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie hast Du Dich denn verändert?

JULIA: Schwer zu sagen. Aber ja, ich habe mich seitdem auf jeden Fall innerlich verändert. Ich versuche, Dinge gelassener zu sehen. Habe einen neuen Fokus. Mehr auf das Miteinander. Ich gehe nicht mehr so auf Kleinigkeiten ein wie früher. Bei zwischenmenschlichen Dingen bin ich ruhiger und streite nicht mehr wegen jedem Kleinkram. Ich lebe bewusster und möchte Streit unbedingt vermeiden. Alles was schlecht für mich ist, entzieht mir nur Energie. Ich betrachte das als vergeudete Lebenszeit und versuche, energieraubende Dinge zu vermeiden. Wie zum Beispiel belanglose Gespräche zu führen oder mich ständig aufzuregen. Man muss sich ja nicht auf das Negative konzentrieren. Das bringt einen nicht weiter. Ich versuche immer, in einem Gespräch einen Mehrwert zu finden und dem Gegenüber diesen auch zu geben.

Durch die Minimalismus-Strategie bekommt man Freiräume im Kopf. Man hat dann Energie, sich auch um sich selbst zu kümmern. Wie zum Beispiel in meinem Fall, Sport zu machen oder sich mit Ernährung auseinanderzusetzen.

Ich empfinde es als entspannend, nicht an materielle Dinge gebunden zu sein. Man muss sich nicht darum kümmern, man ist nicht ständig hinterher, etwas haben zu wollen, sondern kann sich den schönen Dingen widmen. Man fühlt sich befreiter. Und es fällt einem auch mehr auf, wie sehr andere von Dingen abhängig sind. Dann habe ich das Gefühl, dass ich da drüberstehe. Ich habe das Gefühl, ich bin die Sehende. Oder besser: eine der Sehenden.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Es ist ein verlockender Gedanke, dass man in ungefähr 1-2 Stunden sein Hab und Gut zusammenpacken könnte.

JULIA: Ja. Da gibt es noch einen interessanten Gedanken dazu. Was würde man mitnehmen aus der Wohnung, wenn das Haus brennt? Es gibt sogar eine Internetseite, auf der man Fotos von Dingen posten kann, die man mitnehmen würde (theburninghouse.com), wenn man die Wohnung schnell verlassen müsste. Da kommt man dann ins Nachdenken. Was würde ich schnell mit rausnehmen? Das sind die Dinge, die dann wirklich wichtig sind. Alles andere ist im Prinzip ersetzbar. Wirklich ausgebrannt zu sein, muss echt schlimm sein, aber das Gedankenspiel an sich ist interessant.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Was würdest Du mitnehmen?

JULIA: Ich würde auf jeden Fall meinen Teddy mitnehmen, den ich seit meinen Kindertagen habe. Den würde ich sofort aus dem Fenster werfen, damit er sicher ist. Und ansonsten wird es schon schwer. Vielleicht noch mein Laptop oder die externe Festplatte. Vielleicht noch ein paar Klamotten. Sonst hänge ich an nichts so wirklich. Das ist sehr entspannend.

Anmerkung Die Freiräumerin: Ein etwas positiveres Gedankenspiel dazu wäre, sich zu überlegen, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Müsste aber alles unter zwei Arme geklemmt passen. Mein Teddy wäre auch dabei.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Gibt es ein Maximum an Dingen, die ein Minimalist haben darf?

JULIA: Nein, da gibt es keine Regeln. Man kann auch Minimalist sein, wenn man wie du viele Bücher hat. Sofern die dich glücklich machen und du die nicht da stehen hast, um irgendjemandem zu beweisen, wie belesen du bist. Es geht darum, nur Dinge zu besitzen, die einen glücklich machen. Wenn man ein Hobby hat, für das man großes Equipment braucht, dann ist das in Ordnung. Die Sachen machen einen dann ja glücklich und geben Mehrwert im Leben.

Außerdem sollte das Prinzip auch praktisch bleiben. Zum Beispiel bei Klamotten oder Wäsche. Ich habe so viel wie man braucht, um die Waschmaschine für einen Waschgang voll zu bekommen. Mehr aber auch nicht. Es muss sinnvoll bleiben. Und es kommt individuell auf den Lebensstil an. Lebt man alleine, zu mehreren, braucht man für die Arbeit bestimmte Klamotten usw.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Würdest Du sagen, dass jeder Minimalist werden kann?

JULIA: Klar, das kann jeder. Das ist wie mit allem. Wenn man das wirklich will und einen Sinn darin sieht, kann man es werden. Wenn man ein bewussteres und glücklicheres Leben führen will und sich mehr Gedanken über das eigene Leben und über das, was man konsumiert, machen möchte, ist das schon der erste Schritt zum Minimalismus.

Ein interessanter Punkt ist noch, dass Minimalismus – meiner Meinung nach – ein Luxusthema ist. Darauf kommen nur Menschen, die im Wohlstand leben. Nur die sagen: „Ich hab zu viel Zeug“ und entscheiden sich bewusst für den Minimalismus. Die haben die Wahl. Wenn man kein Geld hat, dann muss man notgedrungen minimalistisch leben. Man hat keine Wahl. So zum Beispiel auch die Flüchtlinge jetzt. Die sind gezwungen, mit wenig auszukommen, möchten das aber vielleicht gar nicht. Und  Gedanken über zu viel Zeug kann man sich auch nur machen, wenn man nicht gerade in einer total misslichen Lage ist und existenzielle Themen einfach wichtiger sind.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Hast Du das Gefühl, dass Minimalismus im Umfeld „ansteckend“ ist?

JULIA: Ja schon. Meine Chefin zum Beispiel hat bei ihrem letzten Umzug eine Menge aussortiert und mir das dann ganz stolz erzählt. Sie denkt da jetzt auch mehr drüber nach, ob sie etwas wirklich braucht. Manchmal frage ich dann auch: Na, brauchst Du das wirklich? Diejenigen, die mich kennen, nehmen mir das dann auch nicht übel, wenn ich diese Frage stelle. Es ist eher so, dass mir viele von ihren Ausräumerfolgen erzählen. Ich bin für die sozusagen die Expertin. Die wissen, dass ich mich mit ihnen freue. Wenn mir jemand erzählt, dass er einen ganzen Sack voller Dinge aussortiert hat, dann freue ich mich voll. Da geht mir das Herz auf. Ich freue mich dann für denjenigen, dass er Ballast abwerfen konnte.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Und im familiären Umfeld?

JULIA: Für meine Eltern und meine Schwester ist das nicht wirklich was. Meine Mutter sortiert auch gerne aus, aber für sie ist das Thema einfach nicht relevant.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Würdest Du soweit gehen, dass auch der Job dem Minimalismus zum Opfer fallen könnte?

JULIA: Man soll alles aus seinem Leben rausschmeißen, was einen nicht glücklich macht und was einen belastet. So gilt es, auch den Job zu überdenken, wenn man da unzufrieden ist.

Ich selbst arbeite im Kundenservice. Das hat viel mit Beschwerdemanagement zu tun, was ja eine negative Energie ist und oft belastet. Zum Ausgleich mache ich einfach Sport und habe erst jetzt erkannt, wie gut mir das tut.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Ist es Dir schon einmal passiert, dass Du etwas gesucht und dann festgestellt hast, dass Du es kürzlich weggetan hast?

JULIA: Hin und wieder passiert mir das, dass ich etwas suche und dann denke: okay, hab ich gar nicht mehr. Ich kann mich aber an nichts erinnern, wo ich mich dann wirklich  geärgert habe. War dann wohl einfach nicht so wichtig. Die meisten Sachen sind zur Not auch ersetzbar oder man kann sie irgendwo leihen. In den Großstädten gibt es Leihläden, wo man sich bei Bedarf Dinge aller Art ausleihen kann. Man kann die Nachbarn fragen. Da kommt man dann mit den Nachbarn mal in Kontakt, und das bringt die Menschen dann auch wieder mehr zusammen.

Anmerkung Die Freiräumerin: Die Plattform nebenan.de ist eine wunderbare Möglichkeit, mit den Nachbarn in Kontakt zu kommen und zum Beispiel mal ein Waffeleisen auszuleihen.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie siehst Du das, wenn man Dinge verschenkt oder verkauft, die man nicht mehr braucht? Belastet man damit dann nicht andere? Unterstützt man hie und da womöglich einen sowieso schon zugemüllten Menschen?

JULIA: Den Gedanken kenne ich, aber dafür kann man nicht die Verantwortung übernehmen. Die Leute müssen selber wissen, was sie annehmen oder kaufen. Bei uns im Stadtteil gibt es eine Tauschbox, in die man Sachen reinlegen oder sich etwas rausnehmen kann. Ich lege natürlich nur Sachen rein. Hin und wieder sehe ich Leute, die sich dort die Taschen richtig vollpacken. Das muss man dann einfach akzeptieren. Man weiß ja nicht, was dahintersteckt. Manche haben vielleicht wirklich wenig Geld und finden auf diese Art Dinge, die sie brauchen können. Und es ist auch schön zu sehen, dass jemand jetzt genau das gebrauchen kann, was ich nicht mehr brauche. Damit bekommen die Sachen ein zweites Leben und kommen nicht einfach auf den Müll. Ich habe auch schon sehr nette Erfahrungen gemacht. Eine Frau, der ich Bücher verkauft habe, hat sich so gefreut, dass da eine Erstausgabe dabei war und hat mir nochmals geschrieben, wie glücklich sie damit ist. So entstehen auch nette Kontakte.


Julia ist 34 Jahre alt und lebt mit ihrem Freund in Hamburg. Seit 2013 ist sie überzeugte und praktizierende Minimalistin. Ich sage Dank für das ehrliche und unverstellte Interview, das ich auf meinem Blog veröffentlichen darf. Mein Wunsch für Julia: Dass sie den ungeliebten Schrank in ihrem Zimmer noch loswird.

 

Julia sagt über mich: „Ich glaube, Du bist auch eine Minimalistin. Du denkst darüber nach und bist Dir bewusst, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken.

Darüber muss ich nachdenken ;-)