Aus dem Leben einer Minimalistin - Teil 1

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 1

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 1
24
Feb

 

Ich hatte das Glück, bei einem Netzwerktreffen von she-preneur Stephie kennenzulernen. Wir sind ins Gespräch gekommen und sie erzählte mir von ihrer Freundin Julia, die nach dem Minimalismus-Prinzip lebt. Und siehe da. Der Kontakt war schnell hergestellt und ich durfte Julia via Skype fast zwei Stunden lang über Minimalismus ausfragen. Ich habe viel erfahren, gelernt und einige Meinungen, die ich zu dem Thema hatte, revidiert. Hier kommt also der erste Teil des sehr inspirierenden Interviews.

Gleich zu Anfang unseres Gesprächs hat Julia mich gefragt, ob ich auch Minimalistin sei. Diese Frage habe ich mit einem klaren Nein beantwortet und hinzugefügt, dass ich das wohl nie werden würde. Wer hätte gedacht, dass ich nach einem zweistündigen Gespräch etwas anders darüber denken würde und ich mich noch nachts an das Ausräumen eines Küchenschranks gemacht habe.

Wie Julia Minimalistin wurde - Teil 1

Als Jugendliche war sie – wie die meisten anderen auch – noch eine Sammlerin. Da wurden auch ausgelesene Bravo-Zeitschriften aufbewahrt und alles, was das Teenie-Herz sonst noch so begehrte. Ein Satz ihrer Mutter liegt ihr heute noch im Ohr: Man kann nicht alles aufbewahren. Allerdings fiel diese Aussage damals noch nicht auf „fruchtbaren Boden“.

Eine ihrer Schulfreundinnen hatte sie schon immer für deren leeres Jugendzimmer bewundert und als die mit nur zwei Koffern nach England auswanderte, machte es bei Julia klick: „Das will ich auch.“

Nach zahlreichen Umzügen, bei denen sie immer mal wieder oberflächlich ausgemistet hatte, saß sie eines Tages in ihrer Wohnung in Hamburg und hat „den Rappel“ bekommen. Es gab einfach zu viel Zeugs in ihrer kleinen Wohnung, als dass man sich hätte wohl fühlen können. Sie hat angefangen so richtig auszusortieren, hat ein paar Dinge weggeworfen, verschenkt, verkauft und hat gemerkt, wie es ihr damit immer besser ging. Und so ging das dann immer weiter. Mit jedem Teil weniger in ihrer Wohnung ging es ihr besser. Alles was keinen Wert, Nutzen oder Sinn für sie hatte, wurde aussortiert. Irgendwann war sie an dem Punkt, sich zu fragen, ob sie vielleicht eine Krankheit hätte. Das Gegenteil vom Messie-Syndrom womöglich, erzählt sie mir zwinkernd. Warum bloß dieser Drang, immer alles ausmisten zu wollen? Eines Nachts hat sie dann Google befragt und nach „Besitz belastet“ gesucht. Sie ist auf dem Blog von Michael Klumb, „Minimalismus leben“, gelandet und hat sich plötzlich verstanden gefühlt und gemerkt: „Ich bin nicht alleine.“ Das war 2013. Ihr Bedürfnis nach weniger hat einen Namen bekommen: Minimalismus.

Julia hat alles zum Thema Minimalismus gelesen, was sie zwischen die Finger bekommen konnte (vorwiegend im Netz, da es im deutschsprachigen Raum kaum Literatur dazu gab). 2014 war sie dann auf ihrem ersten Minimalismus-Blogger-Treffen in Hamburg und ist erstmals auf Gleichgesinnte gestoßen. Und hier hat sie dann festgestellt, dass es nicht nur um das Abwerfen von materiellem Ballast geht, sondern dass man auch noch andere Dinge im Leben reduzieren kann.

„Wenn man mit dem Materiellen so einigermaßen durch ist, dann fragt man sich: Was ist in meinem Leben noch überflüssig? Was belastet mich noch? Das können zum Beispiel auch Beziehungen sein. Es gibt zum Beispiel Leute, die einem die Energie rauben. Jedes Mal wenn man die trifft, stellt man hinterher fest, wie anstrengend das wieder war.“

 

DIE FREIRÄUMERIN: Sind in dieser Zeit Freunde auf der Strecke geblieben? Hat man sich über das Thema womöglich entfremdet?

JULIA: Nein, nicht entfremdet. Es gibt nur eine ehemalige Freundin, mit der ich mich nicht mehr treffe. Sie war ein Energievampir, hat sich immer über alles aufgeregt und war nur negativ. Das waren keine schönen Treffen. Da hatte ich keinen Mehrwert. Es gibt auch Leute, die machen bewusst „Schluss“ mit ihren Energieräubern. Die sagen dann, dass sie sich nicht mehr treffen wollen, weil ihnen das zu negativ ist. Das finde ich schwierig für mich.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Was bedeutet Minimalismus über die rein materielle Reduktion hinaus?

JULIA: Minimalismus bedeutet, bewusst zu leben und bewusst zu konsumieren. Achtsam zu sein mit sich selbst und mit dem, was man tut.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Welche Bedeutung hat Besitz für Dich?

JULIA: Viele Menschen definieren sich über ihren Besitz und kommen so gar nicht bei sich an. Sie wollen etwas sein, was sie gar nicht sind. Wenn man das Materielle loslässt, dann kann man auch näher zu sich kommen. Man hat nichts mehr, das einen ablenken kann.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie äußert sich ein bewusstes Konsumverhalten?

JULIA: Bei allem, was man tun oder kaufen möchte, fragt man sich: Ist das sinnvoll für mich? Macht mich das glücklich? Brauche ich das? Das geht so weit, bis man bei sich selber ist und sich fragt: Wie lebe ich eigentlich? Was konsumiere ich? Zum Beispiel bei Lebensmitteln. Viele Minimalisten leben vegan oder vegetarisch oder achten auf Bioprodukte. Andere versuchen, Müll zu vermeiden oder auf Plastik zu verzichten. Sie haben im Allgemeinen ein sehr bewusstes Konsumverhalten.

Der Konsumzwang verschwindet nach und nach. Selbst wenn man zum Beispiel schöne Schuhe sieht, wird hinterfragt: Brauche ich die? Habe ich nicht genug Schuhe? Wenn einem die Schuhe nicht mehr aus dem Kopf gehen und man weiß, dass genau die einen glücklich machen würden, kann man sie ja immer noch kaufen. Aber eben nicht gleich. Wirklich erst mal dem ersten Impuls widerstehen. Aufschreiben, was man denkt, dass man gerne kaufen möchte. Nach einer Woche nochmals schauen, ob das Gefühl noch da ist oder ob es eben nur ein Impuls war. Aus einer Emotion heraus – der bekannte Frustkauf zum Beispiel.

Man entwickelt mit der Zeit Strategien, um diesen Frustkäufen oder Spontankäufen zu entgehen. Man fängt an, darüber nachzudenken, warum man jetzt gerade gefrustet ist und wie man dem Frust jetzt besser entgehen kann, als einzukaufen.

Dieses genaue Nachdenken über jeden Kauf ist heutzutage eher ungewöhnlich. Man sieht das vor allem im Weihnachtsgeschäft, wie die Leute da agieren. Ich frage mich da wirklich, was das für ein Wahnsinn ist, wie die Menschen auf der Mönckebergstraße hektisch und tütenbehangen unterwegs sind. Ich frage mich dann immer, ob das sein muss. Da stehe ich zum Glück mittlerweile drüber.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie dogmatisch bist Du?

JULIA: Ich erkläre den Menschen gerne die Vorteile des Minimalismus, aber natürlich ohne ihnen zu sagen, dass sie das jetzt auch unbedingt so machen müssen. Es gibt auch die Minimalisten, die sehr genaue Vorstellungen davon haben, was „richtiger Minimalismus“ ist. Minimalismus aber ist ein individuelles Thema, und da gibt es keine genauen Regeln.

 

DIE FREIRÄUMERIN: Hast Du zwischendurch mal „einen Anfall“ bekommen nach dem Motto: jetzt kommt alles weg?

JULIA: Nein. Das ging nach und nach. Ausmisten kann sehr emotional und anstrengend sein. Bei vielen Teilen überlegt man sich, was man damit emotional verbindet und ob man es schon loslassen kann. Ausmisten kann also auch erschöpfend sein. In der ersten Runde trennt man sich nur von ein paar Dinge und in den nächsten Runden nach und nach von immer mehr. Bis das Meiste weg ist. Es ist ein Prozess, der eigentlich nie aufhört. Manchmal habe ich mir dabei gewünscht, mir würde etwas einfach runterfallen und kaputt gehen, damit mir die Entscheidung abgenommen wird.

Ich kaufe mir trotzdem noch neue Sachen, allerdings mittlerweile bewusster. Und es kann passieren, dass diese Dinge dann irgendwann auch wieder wegkommen, weil ich bemerke, dass ich sie nicht nutze. Wie gesagt, es ist alles ein Prozess.

Schwierig sind die sogenannten „sentimental items“ wie Fotos, Geschenke von lieben Menschen, Post- und Grußkarten. Erbstücke. Erinnerungsstücke. Bei diesen Dingen braucht es einfach den richtigen Zeitpunkt, an dem man sie loslassen kann. Oder auch nicht, und das ist dann natürlich auch in Ordnung.

Ich lösche derzeit sehr viele digitale Fotos. Das ist aber schon ein fortgeschrittener Minimalismus finde ich. Wegen der vielen Emotionen, die Fotos mit sich bringen. Für mich besonders wichtige analoge Fotos habe ich eingescannt und dann weggeschmissen. Ein Album steht da noch. Das hat meine Mutter für mich gemacht mit meinen Baby- und Kinderfotos.

Ich scanne auch Postkarten ein, die ich bekomme und schön finde. Dann schmeiße ich die Karte weg. Einscannen ist zwar im Prinzip etwas geschummelt, da man sie dann – wenn auch digital – noch behält. Man weicht eben auf das Digitale aus, um das Materielle loszuwerden. Der nächste Schritt ist dann der digitale Minimalismus. 

 

DIE FREIRÄUMERIN: Wie gehst Du mit Geschenken um? Man will den Schenkenden ja nicht vor den Kopf stoßen.

JULIA: Am Anfang, als noch nicht alle wussten oder verstanden und akzeptiert hatten, dass ich Minimalistin bin, war das schwierig. Deko-Geschenke habe ich manchmal an meine Mutter und Schwester weitergegeben. Ich habe den Leuten irgendwann einfach erklärt, dass ich keine Sachen geschenkt bekommen möchte, sondern lieber etwas zum Verbrauchen. Oder Geld, damit ich zum Beispiel für etwas sparen kann, was ich wirklich brauche und haben möchte. Das Schöne ist, dass die Menschen mehr darüber nachdenken (müssen), was sie mir schenken könnten. Das ist ja eigentlich auch der Sinn des Schenkens. Man möchte dem Beschenkten eine Freude machen. Dabei kommen oft viel bessere und passendere Geschenke heraus. Im Gegenzug mache ich mir selbst auch viel mehr Gedanken darüber, was ich verschenken möchte, weil ich die Menschen ja auch nicht mit irgendwelchem Kram belasten möchte. Ich verschenke zum Beispiel gerne Erlebnisse.

 

Julias Traum: Nur noch so wenig haben, dass es in einen Bus passt.

Demnächst geht es hier weiter mit der Fortsetzung des Interviews. Erfahre dann, wie Julia das Zusammenleben mit ihrem nicht minimalistisch lebenden Freund gestaltet und was sich in ihrem Leben durch den Minimalismus geändert hat.

 

Foto: Unsplash